Jede Familie trägt eine Geschichte. Und die meisten sieht man nicht auf den ersten Blick.

„Ach, entschuldige bitte das Chaos.“

Ich glaube, wenn ich die Sätze zählen würde, die ich in den letzten Jahren am häufigsten gehört habe, dann wäre dieser ganz weit vorne.

Fast jedes Mal, wenn ich als Mamahilfe zu einer Familie komme, höre ich ihn. Ich klingele, die Tür geht auf, ich werde herzlich begrüßt, ziehe meine Schuhe aus und noch bevor ich richtig angekommen bin, entschuldigt sich die Mama.

Für das Chaos.

Ich muss dann jedes Mal schmunzeln. Nicht, weil ich den Satz belächle. Ganz im Gegenteil. Ich weiß genau, warum er fällt. Und trotzdem denke ich jedes Mal dasselbe.

Welches Chaos denn?

Natürlich sehe ich, dass noch Frühstücksteller auf dem Tisch stehen. Die Waschmaschine piepst wahrscheinlich schon zum dritten Mal und irgendwo liegt dieser eine Babysocken, dessen Partner offenbar beschlossen hat, nie wieder aufzutauchen. Im Wohnzimmer sieht man, dass hier Kinder leben. Auf der Arbeitsplatte steht eine Tasse Kaffee, die längst kalt geworden ist.

Aber ganz ehrlich? Das sind nie die Dinge, die mir wirklich auffallen. Mein Blick bleibt nicht am Wäschekorb hängen. Er bleibt bei den Menschen.

Ich schaue der Mama ins Gesicht. Oft reicht ein einziger Blick und ich weiß, dass hinter dieser Haustür gerade viel mehr los ist als ein bisschen Unordnung. Manchmal sehe ich Müdigkeit. Manchmal Erschöpfung. Und manchmal sehe ich so viel Druck in den Augen einer Mama, dass ich mir denke: Wie hast du die letzten Wochen eigentlich geschafft?

Diesen Druck kann man kaum beschreiben. Eine gute Mama sein. Eine liebevolle Partnerin. Für die größeren Kinder da sein. Den Haushalt im Griff haben. Vielleicht wieder arbeiten. Sich gesund ernähren. Geduldig bleiben. Und am besten soll das alles noch leicht aussehen.

Wenn ich das so aufschreibe, klingt es fast absurd.

Und trotzdem versuchen so viele Frauen jeden Tag genau das.

Ich frage mich manchmal, woher dieser Druck eigentlich kommt. Wahrscheinlich von überall ein bisschen. Von den Bildern, die wir jeden Tag sehen. Von gut gemeinten Sätzen aus der Familie. Von Freundinnen, bei denen scheinbar immer alles mühelos läuft. Manchmal vielleicht auch von einem Partner, der gar nicht merkt, wie viele kleine Dinge sich im Laufe eines Tages ganz selbstverständlich auf den Schultern einer Mutter sammeln.

Und manchmal, wenn ich ehrlich bin, machen wir uns den größten Druck selbst.

Denn eigentlich entschuldigt sich kaum eine Mama für ihre Erschöpfung. Sie entschuldigt sich nicht dafür, dass sie seit Wochen kaum schläft. Nicht für ihre Sorgen. Nicht für die Tränen, die vielleicht gestern noch geflossen sind.

Sie entschuldigt sich für ihre Wohnung.

Wenn ich ehrlich bin, kenne ich dieses Gefühl selbst.

Auch mir war es schon unangenehm, fremde Menschen in unser Zuhause zu lassen. Nicht, weil ich mich dort nicht wohlgefühlt hätte. Sondern weil ich plötzlich angefangen habe, unser Zuhause mit den Augen eines anderen zu sehen.

Steht da zu viel herum? Hätte ich vorher noch schnell durchsaugen sollen? Was denkt die Person jetzt wohl über mich?

Komisch eigentlich.

Denn ich selbst habe noch nie eine Familie besucht und gedacht: „Hier müsste erst einmal aufgeräumt werden.“ – Wirklich nie. Ich mag gemütliche Zuhause.

Nicht die, die immer aussehen, wie geschleckt. Sondern die, in denen man merkt, dass dort gelebt wird. Kinderzeichnungen am Kühlschrank. Fotos, die Geschichten erzählen. Eine Decke, die noch auf dem Sofa liegt, weil sich vor einer Stunde jemand eingekuschelt hat. Sand auf dem Boden, weil das Kind unbedacht vom Garten durch die Tür gelaufen ist. Und ein Kratzer auf dem Esstisch, der nicht ärgerlich ist, sondern davon erzählt, dass dort gebastelt, gegessen, gelacht, diskutiert und gelebt wurde.

Genau das macht für mich ein Zuhause aus.

Natürlich freue ich mich auch über Ordnung. Mir geht es da nicht anders als dir. Aber ich weiß eben auch, dass das Leben manchmal andere Prioritäten setzt. Dann gewinnt die Kuschelzeit gegen den Staubsauger. Dann ist Schlaf wichtiger als ein leerer Wäschekorb. Dann bleibt die Spülmaschine eben bis morgen voll.

Und weißt du was: Das darf sie auch.

Die Familien, die ich begleiten durfte, haben mich verändert.

Sie haben mich demütig gemacht.

Früher dachte ich manchmal, ich könnte Menschen ganz gut einschätzen. Heute weiß ich, wie oft ich damit falsch gelegen hätte.

Ich habe Familien betreten und gedacht: Hier scheint doch alles wunderbar zu laufen. Und kurze Zeit später saß ich mit einer Mama am Küchentisch, die mir unter Tränen erzählt hat, wie schwer ihr gerade alles fällt. Nicht, weil sie schwach war. Sondern weil sie seit Wochen versucht hatte, stark zu sein.

Ich erinnere mich aber genauso an Wohnungen, in denen Spielzeug überall verteilt war, das Frühstück noch auf dem Tisch stand und der Wäschekorb schon länger darauf wartete, endlich beachtet zu werden.

Weißt du, woran ich mich heute erinnere?

Nicht an die Wohnungen. Ich erinnere mich an Menschen, an eine Mama, die vor Erschöpfung geweint hat. An eine Mama, die geweint hat, weil sie ihre Geschichte endlich erzählen durfte. Ohne sich erklären zu müssen. Ohne bewertet zu werden.
An eine Mama, bei der plötzlich alle Anspannung von ihr abgefallen ist, weil sie gemerkt hat:

„Ich muss das heute nicht alleine schaffen.“

Ich erinnere mich an Kinderlachen, an den Duft einer frisch gekochten Suppe, an eine kalte Tasse Kaffee, die wir irgendwann gemeinsam noch einmal aufgewärmt haben und an dieses tiefe Ausatmen.

Dieses eine Ausatmen, das manchmal mehr sagt als tausend Worte. Nicht den Wäschekorb nehme ich mit nach Hause, nicht die Teller in der Spüle, nicht die Krümel auf dem Boden. Ich nehme die Menschen mit.

Manchmal sitze ich nach einem Einsatz im Auto und denke noch lange an eine Familie. Nicht daran, was ich dort gemacht habe. Sondern an das, was sie mir erzählt hat. Ich frage mich dann oft, wie viele Geschichten wir jeden Tag übersehen.

Wir begegnen Menschen im Supermarkt, beim Bäcker oder auf dem Spielplatz. Wir sehen einen kurzen Moment. Vielleicht eine gestresste Mama. Ein schreiendes Kind. Einen Vater, der müde wirkt.

Aber wir sehen nie die Nacht davor. Wir sehen nicht die Sorgen, wir sehen nicht die Tränen, Wir sehen nicht die Kraft, die es manchmal kostet, morgens überhaupt aufzustehen.

Seit ich Familien begleite, stelle ich mir deshalb viel öfter eine andere Frage.

Was sehe ich gerade nicht?

Diese Frage hat mich vorsichtiger gemacht.

Nicht perfekt. Auch ich urteile manchmal zu schnell. Aber ich merke es schneller als früher. Und ich erinnere mich dann an all die Familien, bei denen ich völlig falsch gelegen hätte.

Vor einiger Zeit sagte eine Mama während eines Gesprächs ganz leise zu mir:

„Es tut gerade gut, dass ich mich nicht erklären muss.“

Diesen Satz habe ich mit nach Hause genommen. Vielleicht, weil ich glaube, dass er viel größer ist, als er auf den ersten Blick klingt, denn vielleicht brauchen Familien gar nicht als Erstes Hilfe.

Vielleicht brauchen sie zuerst einen Ort, an dem sie ihre Geschichte erzählen dürfen. Ohne bewertet zu werden, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ohne das Gefühl, funktionieren zu müssen.

Ich glaube, genau dort beginnt Entlastung.

Nicht dann, wenn die Küche wieder ordentlich aussieht oder der Wäschekorb leer ist, sondern in dem Moment, in dem jemand spürt:

Ich darf einfach ich sein.

Vielleicht entschuldigst du dich beim nächsten Besuch nicht als Erstes für die Krümel auf dem Boden.

Vielleicht sagst du einfach:

„Schön, dass du da bist.“

Und ich verspreche dir eines: Die Menschen, die mit offenem Herzen zu dir kommen, werden sich später nicht daran erinnern, ob die Spülmaschine ausgeräumt war. Sie werden sich daran erinnern, wie sie sich bei dir gefühlt haben.

Ich tue es jedenfalls. Ich erinnere mich nicht an Wohnungen, ich erinnere mich an Menschen, an Stimmungen, an Gefühle.


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