Manchmal stehe ich in der Tür zum Zimmer meiner Tochter und weiß eigentlich schon, bevor ich den Mund aufmache, dass das, was jetzt kommt, vermutlich nicht unbedingt gebraucht wird.

„Hast du schon für den Führerschein gelernt?“

Ich kenne die Antwort meistens. Und ich weiß natürlich auch, dass sie mit 16 durchaus selber weiß, dass man für eine Prüfung lernen muss. Sie braucht mich nicht, um ihr das zu erklären. Trotzdem stehe ich da. Nicht, weil ich besonders gerne lästig bin, auch wenn sie das vielleicht manchmal anders sieht. Und auch nicht, weil ich ihr nichts zutraue. Ich glaube, ich stehe da, weil ich es manchmal einfach nicht verstehe.

Weil ich diesen Führerschein sehe und sofort denke: Freiheit.

Für mich war das damals genau das. Ich weiß noch, wie groß sich dieses Gefühl angefühlt hat, mit dem Moped endlich unabhängig zu sein. Nicht mehr fragen zu müssen, wer mich irgendwo hinfährt. Nicht überlegen zu müssen, ob mich später jemand wieder abholen kann. Einfach selber losfahren. Zu Freunden, irgendwohin, wo gerade etwas los war. Und vor allem wieder nach Hause kommen, wenn es für mich gepasst hat. Nicht, wenn meine Eltern Zeit hatten. Nicht, weil jemand gesagt hat: „Ich hol dich um zehn.“ Sondern weil ich selber entschieden habe: Jetzt fahr ich heim.

Das war für mich mit 16 ein riesiges Stück Freiheit

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute so schwer verstehe, warum dieses Ziel bei meiner Tochter nicht denselben inneren Motor anwirft. Ich sehe diese Freiheit vor ihr liegen und denke: Mei, du musst doch nur noch ein bissl lernen, dann gehört sie dir.

Nur ist sie eben nicht ich mit 16.

Eigentlich ein völlig banaler Satz. Natürlich ist sie das nicht. Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, meine eigenen Erfahrungen wie eine Schablone über ihre zu legen. Nicht absichtlich und schon gar nicht böse. Wahrscheinlich machen wir Eltern das öfter, als uns bewusst ist. Wir kennen dieses Gefühl von Wenn ich damals schon gewusst hätte … oder Wenn mir das jemand gesagt hätte … und möchten unseren Kindern damit ein paar Umwege ersparen.

Wir wissen inzwischen, dass manche Dinge leichter werden, wenn man rechtzeitig anfängt. Dass Durchhalten sich lohnen kann. Dass hinter etwas, das gerade mühsam ist, manchmal etwas richtig Schönes wartet. Und weil wir das wissen, stehen wir dann halt in Zimmertüren.

Wir erinnern. Fragen nach. Motivieren. Schieben ein bissl an. Und wenn sich nichts tut, schieben wir vielleicht noch ein bissl mehr. Bis man irgendwann merkt, dass man selbst gerade mehr Energie in ein Ziel steckt als das Kind, dem dieses Ziel eigentlich gehört.

Und da wird es schwierig

Denn ich kann meiner Tochter erzählen, was diese Unabhängigkeit damals für mich bedeutet hat. Ich kann ihr erzählen, wie gut es sich angefühlt hat, einfach auf mein Moped zu steigen und selber bestimmen zu können, wann ich heimfahre. Ich kann ihr beim Lernen helfen, sie abfragen, ihr etwas erklären, sie auffangen, wenn sie frustriert ist. Ich kann Möglichkeiten schaffen und Unterstützung anbieten.

Aber ich kann nicht für sie wollen.

Und vielleicht ist genau das etwas, das wir Eltern erst lernen müssen, wenn unsere Kinder größer werden.

Aushalten

Aushalten statt sofort lösen

Das Wort beschäftigt mich gerade sowieso ziemlich: Aushalten.

Nicht nur bei meiner großen Tochter. Bei uns treffen schließlich 16 und 5 Jahre aufeinander, und wer Geschwister mit so einem Altersabstand hat, kann sich vermutlich ungefähr vorstellen, wie „harmonisch“ das zu jeder Tageszeit funktioniert.

Der Kleine findet seine große Schwester natürlich spannend, er liebt sie, will ihre Anerkennung. Er möchte wissen, was sie macht, möchte etwas erzählen, möchte zu ihr ins Zimmer, möchte dabei sein. Und sie möchte – vollkommen verständlich – oft einfach ihre Ruhe.

Dann wird genervt, provoziert, geschimpft. Einer kommt mit miesester Stimmung zu mir – dann der andere. Und mein erster Impuls ist oft immer noch, das Ganze irgendwie zu lösen, zu vermitteln, zu erklären, wer jetzt bitte auf wen Rücksicht nehmen könnte, damit wieder Ruhe einkehrt.

Auch da übe ich das Aushalten.

Natürlich gibt es Grenzen. Ein Fünfjähriger darf nicht alles, nur weil er der Kleine ist. Und eine Sechzehnjährige muss nicht alles hinnehmen, nur weil sie die Große ist. Sie ist seine Schwester und nicht seine zweite Mama. Ihre Zimmertür darf auch mal zu sein und ein Nein darf ein Nein bleiben.

Aber nicht jeder Streit braucht mich als Schiedsrichterin

Manches dürfen die beiden miteinander austragen, sie dürfen genervt voneinander sein, sie dürfen lernen, Grenzen zu setzen und Grenzen zu akzeptieren. Sie dürfen sich ordentlich auf den Keks gehen und sich später trotzdem wieder vertragen.

Und vielleicht ist genau das manchmal das Schwerste: daneben zu stehen und nicht sofort etwas zu tun und vor allem nicht zu explodieren und laut zu werden.

Denn wir Eltern sind das Tun gewohnt. Gerade in den ersten Jahren tun wir eigentlich ständig irgendwas. Wir füttern, tragen, trösten, organisieren, erinnern, erklären, begleiten. Wenn etwas nicht klappt, helfen wir. Wenn ein Kind etwas noch nicht kann, machen wir es gemeinsam. Wir sind jahrelang ziemlich selbstverständlich ein großer Teil des Motors unserer Kinder.

Und dann sollen wir irgendwann weniger Gas geben. Nur sagt einem keiner, wann genau dieser Zeitpunkt gekommen ist.
Es gibt keinen Morgen, an dem das Kind aufsteht und plötzlich ein Schild um den Hals trägt: „Ab heute bitte weniger erinnern und mehr vertrauen.“
Es passiert schleichend. Und manchmal merkt man wahrscheinlich erst, dass sich etwas verändert hat, wenn man zum dritten Mal in einer Zimmertür steht und einem selbst auffällt: Eigentlich weiß sie das.

Vielleicht ist Aushalten auch eine Form von Vertrauen

Ich glaube, deshalb gefällt mir das Wort Aushalten inzwischen fast besser als Loslassen.

Loslassen klingt so friedlich. Nach offenen Händen und einem Kind, das selbstbewusst seinen Weg geht, während wir Eltern danebenstehen und voller Vertrauen zuschauen. Aushalten fühlt sich im echten Leben oft anders an.

Aushalten ist, wenn der Satz schon auf der Zunge liegt und man sich dann auf ebendiese beißt und nochmal überlegt, ob man ihn wirklich sagen muss. Wenn man sieht, dass etwas liegen bleibt und es nicht schnell selber erledigt. Wenn Geschwister streiten und man nicht beim ersten lauten Wort dazwischengeht. Wenn man ziemlich sicher ist, einen guten Rat zu haben und trotzdem wartet, ob überhaupt jemand danach fragt.

Und vor allem bedeutet Aushalten für mich gerade, zu akzeptieren, dass meine Kinder nicht dieselben Erfahrungen machen müssen wie ich.
Vielleicht wird meine Tochter irgendwann ihren Führerschein haben und dieses Freiheitsgefühl genauso lieben wie ich damals. Vielleicht wird sie mir irgendwann sogar recht geben – ich werde selbstverständlich versuchen, dann nicht allzu zufrieden zu schauen.

Vielleicht fühlt es sich für sie aber auch ganz anders an – das darf es

Denn meine Erfahrung darf ihr etwas mitgeben. Sie darf eine Geschichte sein, die ich ihr erzähle. Vielleicht sogar eine, über die sie irgendwann nachdenkt. Aber sie ist keine Gebrauchsanweisung für ihr Leben.

Damit sie weiß, dass ich nicht regelmäßig in ihrem Zimmer stehe, weil ich sie nerven möchte. Sondern weil ich manchmal selbst noch nicht so genau weiß, wie viel Anschieben richtig ist und wann ich einfach darauf vertrauen darf, dass sie ihren eigenen Weg findet. Weil ich sie manchmal noch nicht verstehe und dann versuche, eine Brücke zwischen ihrer Welt und meiner zu bauen. Und weil hinter meinem „Hast du schon gelernt?“ eigentlich ganz oft ein „Ich sehe da etwas Schönes auf dich warten“ steckt.

Nur muss sie dieses Schöne eben selber sehen, vielleicht muss sie es auch gar nicht jetzt sehen. Und genau da lande ich wieder beim Aushalten.

Ich darf ihr erzählen, wie sich Freiheit für mich mit 16 angefühlt hat. Ich darf ihr Möglichkeiten zeigen und Hilfe anbieten. Ich darf weiterhin ihre Mama sein und vermutlich werde ich auch weiterhin gelegentlich in ihrer Zimmertür stehen.

Aber ich darf lernen, nicht immer der Motor zu sein

Denn irgendwann sollen unsere Kinder nicht losfahren, weil wir sie lange genug angeschoben haben. Sie sollen losfahren, weil sie selber wissen, wohin sie möchten.

Und vielleicht ist das eine der schwierigsten Aufgaben beim Größerwerden unserer Kinder: ihnen zuzutrauen, dass dieser eigene Antrieb kommt – auch wenn er nicht dann kommt, wann wir ihn erwartet hätten. Bis dahin bleibt uns manchmal nur etwas, das viel leichter klingt, als es ist:

Aushalten.

Signatur

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial
Instagram
WhatsApp
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner