Manchmal reicht ein Lied, um einen Gedanken anzustoßen, der schon lange irgendwo in einem schlummert. So ging es mir vor ein paar Tagen. Seitdem begleitet mich immer wieder dieselbe Frage: Warum fällt es uns eigentlich so schwer, den Menschen direkt neben uns zu zeigen: „Ich sehe dich. Ich sehe, was du da gerade aufbaust.“
Das macht mich traurig
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass es dabei gar nicht nur um berufliche Netzwerke geht. Es geht genauso um unser persönliches Umfeld, um die Menschen, denen wir jeden Tag begegnen: unsere Nachbarn, Eltern aus der Schule, Bekannte, Menschen aus unserem Ort. Eigentlich wünschen wir uns doch alle genau das Gleiche. Wir möchten dazugehören, gesehen werden und Menschen um uns haben, die sich mit uns freuen, wenn wir einen neuen Weg einschlagen oder den Mut haben, etwas Eigenes aufzubauen. Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass genau das immer seltener wird.
Nicht, weil Menschen böse Absichten hätten. Ich glaube vielmehr, dass wir alle unglaublich beschäftigt sind. Familie, Arbeit, Mental Load – unser Alltag ist voll, vielleicht sogar voller denn je. Und genau das macht mich traurig.
Da ist die Mutter aus der Schule, die sich mit viel Herz selbstständig gemacht hat. Der Handwerker aus dem Ort. Die Floristin. Die kleine Manufaktur. Menschen, die ihre Abende, Wochenenden und oft auch ihre Ersparnisse investieren, um einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Man begegnet ihnen vielleicht sogar täglich, sieht ihre Beiträge oder hört von ihrem Weg – und trotzdem bleiben sie oft unsichtbar.
Wie selten zeigen wir eigentlich: „Ich sehe dich.“
Dabei geht es mir gar nicht um Likes. Es geht um das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Darum, dass jemand sieht, was hinter all dem steckt: die Zeit, die Zweifel, den Mut und das Herzblut. Vielleicht unterschätzen wir manchmal, wie viel ein paar Sekunden unserer Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen bedeuten können. Ein ehrlicher Kommentar, eine Empfehlung oder ein kleines Herz unter einem Beitrag sind für uns oft nur wenige Sekunden, für den Menschen auf der anderen Seite können sie genau der kleine Rückenwind sein, den er an diesem Tag gebraucht hat.
Was mich aber fast noch mehr beschäftigt, ist etwas anderes. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir lieber über Menschen sprechen als mit ihnen, dass wir uns Meinungen bilden, ohne nachzufragen, und Geschichten hören, statt einfach neugierig zu sein. Dabei wäre die einfachste Frage oft die schönste: „Erzähl mal – was machst du eigentlich?“ Wie oft interessieren wir uns wirklich füreinander? Nicht aus Höflichkeit. Nicht, weil wir etwas brauchen. Sondern einfach, weil uns der Mensch interessiert.

Wo ist unser Dorf?
Ich glaube nämlich, dass genau dort ein Netzwerk beginnt. Nicht mit einer Mitgliedschaft, nicht mit einem Logo und auch nicht mit einem Stammtisch, sondern mit echtem Interesse. Vielleicht wünschen wir uns alle ein Dorf, das füreinander da ist. Aber ein Dorf entsteht nicht von allein. Es wächst jedes Mal ein kleines Stück, wenn wir einem anderen Menschen zeigen: „Ich sehe dich. Ich freue mich, dass du deinen Weg gehst.“
Genau deshalb werde ich auch weiterhin regionale Unternehmen weiterempfehlen, Beiträge teilen und Menschen miteinander vernetzen. Nicht, weil ich dafür etwas zurückhaben möchte, sondern weil ich mir wünsche, dass Netzwerke wieder das werden, was sie eigentlich sein könnten. Orte, an denen wir uns ehrlich füreinander freuen, einander den Rücken stärken und uns gegenseitig wachsen sehen.
Vielleicht beginnt genau dort ein echtes Netzwerk. Nicht mit einer Mitgliedschaft. Nicht mit einer Visitenkarte. Sondern mit drei einfachen Worten:
Ich sehe dich.
P.S.: Angestoßen hat diesen Gedanken übrigens das Lied „Aff‘ im Kopf“ von Caro Fux. Manchmal kommt ein Gedanke eben genau dann, wenn man ihn gerade gar nicht gesucht hat.

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