Abschiede fallen mir schwer.

Das ist vermutlich ein Satz, den man nicht unbedingt erwartet, wenn man über Mütterpflege spricht. Schließlich gehört es zu meiner Arbeit, in Familien zu kommen – und irgendwann auch wieder zu gehen. Und trotzdem ist dieser letzte Einsatz für mich selten einfach nur ein Termin, nach dem ich meinen Kalender zuklappe und zur nächsten Familie fahre.

Denn bis dahin ist meistens einiges passiert.

Ich weiß, wo die Tassen stehen. Welches Kind die Gurke nur geschält isst. Welche Wäsche besser nicht in den Trockner sollte. Ich kenne die Tage, an denen morgens schon klar ist: Heute wird’s zäh. Und ich sehe die kleinen Veränderungen, die von außen kaum jemand bemerkt.

Dass wieder gekocht wird. Dass die Mama wieder selbst eine Runde mit dem Kinderwagen dreht. Dass der Wäscheberg nicht mehr ganz so bedrohlich aussieht. Dass wieder ein bissl mehr gelacht wird. Dass Dinge, die vor ein paar Wochen noch unüberwindbar schienen, langsam wieder zum Alltag gehören.

Und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich merke: Es geht wieder.

Mütterpflege ist Begleitung auf Zeit

Mütterpflege ist nicht dafür gedacht, für immer Teil einer Familie zu bleiben. Sie kann auffangen, wenn Schwangerschaft, Geburt, Krankheit oder eine andere belastende Situation dazu führt, dass gerade mehr getragen werden muss, als die eigenen Kräfte hergeben. Wie dieses Auffangen aussieht, ist in jeder Familie anders.

Ich stehe am Herd und koche einen großen Topf Essen, räume die Küche auf, kümmere mich um die Wäsche oder gehe mit einem Geschwisterkind raus, damit zuhause ein bisschen Ruhe einkehren kann. An anderen Tagen ist das Wichtigste vielleicht, am Küchentisch zu sitzen und zuzuhören.

Denn Entlastung lässt sich nicht nur in erledigten Wäschekörben messen. Sie entsteht auch dadurch, dass jemand da ist, der sieht, was gerade gebraucht wird. Der nicht erst eine lange Aufgabenliste braucht. Der ein Stück Verantwortung übernimmt und damit für ein paar Stunden Platz schafft.

Platz zum Ausruhen, zum Gesundwerden, zum Ankommen der einfach zum Durchatmen.

Das Ziel ist nicht: Du musst wieder alles alleine schaffen

Dieser Punkt ist mir wichtig. Wenn Mütterpflege irgendwann endet, bedeutet das nicht: So, jetzt bist du wieder auf dich gestellt. Und es bedeutet schon gar nicht, dass eine Familie erst dann wieder „funktioniert“, wenn sie keinerlei Unterstützung mehr braucht.

Ich glaube ohnehin nicht daran, dass Familien dafür gemacht sind, alles alleine zu tragen.

Vielleicht übernimmt der Partner wieder mehr. Oma und Opa sind da, Freunde, Nachbarn oder andere Menschen aus dem eigenen Netzwerk. Vielleicht braucht es anschließend eine andere Form professioneller Unterstützung. Oder es ist schlicht wieder genug Kraft da, dass das, was vor einigen Wochen noch riesengroß war, wieder bewältigbar erscheint.

Mütterpflege darf ein Teil dieses Netzes sein – für eine Weile.

Aus „Ich mach das“ wird irgendwann „Wir machen das“

Auch eine Begleitung verändert sich. Zu Beginn ist vielleicht kaum Kraft da. Dann übernehme ich. Ich koche, räume auf, beschäftige die Kinder oder erledige Dinge, die sonst liegenbleiben würden. Mit der Zeit machen wir wieder mehr gemeinsam.

Und irgendwann höre ich einen Satz wie: „Das hab ich heute schon gemacht.“ Über solche kleinen Sätze freue ich mich. Nicht, weil ich möglichst schnell überflüssig werden möchte. Sondern weil darin oft etwas steckt, das viel größer ist als eine erledigte Aufgabe.

Da ist wieder Kraft., da ist wieder Zutrauen, da kommt Alltag zurück und genau dann darf meine Rolle langsam kleiner werden.

Hilfe ist keine Einbahnstraße

Was dabei leicht vergessen wird: Auch ich gehe aus diesen Familien nicht genauso heraus, wie ich hineingekommen bin.

Aus jeder Familie nehme ich etwas mit.

Ein Rezept, das später bei uns zuhause auf dem Tisch landet. Einen Satz, über den ich noch Tage später nachdenke. Eine andere Sicht auf Familie, Beziehungen oder das Leben. Eine Lebenserfahrung, die nicht meine eigene ist und meinen Blick trotzdem verändert.

Menschen lassen etwas bei uns zurück, wenn wir ein Stück ihres Lebens miteinander teilen. Das gilt auch für meine Arbeit.

Ich darf begleiten, tragen und stützen. Aber ich bin nicht nur diejenige, die etwas gibt. Ich lerne, höre Geschichten und darf Vertrauen erleben. Familien öffnen mir für eine Zeit ihre Türen und damit auch ein Stück ihres Lebens.

Vielleicht fallen mir Abschiede auch deshalb nicht leicht.

Wenn ich nichts mehr höre, ist das oft ein gutes Zeichen

Am Ende einer Begleitung sage ich den Familien immer: Meldet euch, wenn ihr noch etwas braucht.

Und das meine ich auch so. Nur weil unsere regelmäßigen Einsätze vorbei sind, ist meine Tür nicht plötzlich zu. Sie wissen, wo sie mich finden und trotzdem freue ich mich ein bisschen, wenn danach nichts mehr kommt.

Nicht, weil ich nichts mehr von den Familien hören möchte. Und ganz sicher nicht, weil es mir egal wäre, wie es ihnen weitergeht, sondern weil dieses Nicht-Melden oft etwas sehr Schönes bedeutet:

Es geht.

Sie haben wieder ihren eigenen Alltag gefunden. Sie sind gestärkt, haben neue Strukturen geschaffen, ihr Netz wiedergefunden oder wissen besser, wo und wie sie sich Unterstützung holen können, wenn sie sie brauchen.

Vielleicht ist genau das eines der schönsten Zeichen dafür, dass meine Arbeit ihren Zweck erfüllt hat. Ich muss und will nicht dauerhaft Teil einer Familie bleiben, um zu wissen, dass unsere gemeinsame Zeit etwas bewirkt hat.

Und irgendwann treffe ich sie vielleicht beim Einkaufen oder auf der Straße. Sehe die Kinder, die ein Stück größer geworden sind. Wechsle ein paar Worte mit der Mama oder dem Papa und sehe: Es geht ihnen gut. Auch ohne mich.

Und darüber freue ich mich wirklich.

Nicht mehr gebraucht zu werden und trotzdem zu wissen: Wenn doch einmal etwas ist, wissen sie, wo sie mich finden.

Eine Brücke bleibt nicht das Ziel der Reise

Ich mag für Mütterpflege das Bild einer Brücke.

Wenn der eigene Weg gerade nicht weitergeht, wenn zwischen dem Hier und dem „Es geht wieder“ ein Stück fehlt, kann Unterstützung helfen, dieses Stück zu überbrücken. Nicht, indem jemand am anderen Ende steht und ruft: „Jetzt musst du aber alleine weiter!“

Sondern indem jemand ein Stück mitgeht. Den schweren Rucksack zwischendurch mitträgt. Und da ist, bis wieder genug Boden unter den eigenen Füßen zu spüren ist.

Hilfe darf eine Brücke sein. Und Brücken sind dafür da, ein Stück Weg zu überbrücken.

Deshalb gehört der Abschied zu meiner Arbeit genauso wie das erste Kennenlernen. Ich packe meine Mütterpflegetasche ein, setze meinen Mamhilfehut für diese Familie ab und schließe zum letzten Mal die Tür hinter mir und fahre meistens mit zwei Gefühlen nach Hause: ein bissl Wehmut – und ziemlich viel Dankbarkeit, weil ich eine Familie ein Stück begleiten durfte, weil ich tragen durfte, als es schwer war.

Und weil ich gehen kann mit dem Gefühl:

Es ist vielleicht noch nicht alles leicht. Es muss auch nicht alles alleine gehen. Aber diese Familie ist wieder sicher genug, ihren Weg ohne mich weiterzugehen.

Und genau das ist ein ziemlich schöner Abschied.

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